Sie leiten das Austrian Blockchain Center (ABC), das erst vor Kurzem seine Arbeit aufgenommen hat. Auf ihrer Seite heißt es, dass es das größte Blockchain-Kompetenzzentrum der Welt ist. Was steckt dahinter, was können wir vom ABC erwarten?

Im Austrian Blockchain Center (ABC) arbeiten 65 Firmenpartner, 21 wissenschaftliche Partner und 17 Partner aus dem öffentlichen Bereich zusammen. Ziel ist es, anwendungsorientiert die Blockchain-Technologie zu erforschen und durch Erstellung von Prototypen und Proof of Concept deren Verbreitung in Wirtschaft und Verwaltung zu fördern. Das Center ist vorerst auf vier Jahre eingerichtet, mit einem Gesamtbudget von 20 Millionen Euro. Das Budget kommt zur Hälfte von der öffentlichen Hand und wird zur anderen Hälfte von den Firmenpartnern aufgebracht.

Das ABC versteht sich als Plattform, auf der sich Partner für gemeinsame Blockchain-Projekte finden können. Diese können dann unter Beteiligung der Forschung vorbereitet und pilotiert werden. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse werden wiederum die Forschung in den entsprechenden Bereich befruchten. Denn die Blockchain ist letztendlich nur ein Protokoll, und es ist das Konsortium oder die Community, die die Technologie zum Leben erweckt. Netzwerkeffekte sind entscheidend, und mit dem ABC haben wir den Nukleus für ein hoffentlich bald weit größeres Blockchain-Netzwerk geschaffen.

Als Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien forschen Sie zur Krypto-Ökonomie. Was kann ihr Institut krypto-interessierten Studenten anbieten, die sich tiefergehend mit der Thematik auseinandersetzen möchten?

Derzeit bieten wir drei Lehrveranstaltungen an, eine Einführung in die Krypto-Ökonomie, einen technisch orientierten Kurs über Software-Entwicklung im Blockchain-Umfeld (Smart Contracts etc.) und ein FinTech-Lab, in dem konkrete Anwendungsfälle und Geschäftsmodelle auf Blockchain-Basis entwickelt werden. Demnächst wird es hier massive Erweiterungen geben: Zum einen arbeiten wir an einem internationalen „Digital Economy“ Masterprogramm, zum anderen erweitern wir das Weiterbildungsangebot der WU Executive Academy.

In welchen Bereichen und Branchen sehen Sie das derzeit größte Wachstumspotenzial für Blockchain-Anwendungen?

In der Öffentlichkeit werden bisher die Bereiche Finanzdienstleistungen, Energie und öffentlicher Sektor am häufigsten diskutiert. Hierin steckt unbestritten viel Potenzial, und die Partner probieren bereits einiges aus und erstellen Prototypen. Es gibt es allerdings auch Anwendungsfelder, die bisher nicht im Rampenlicht stehen, und die sich sehr gut für Blockchain-Anwendungen eignen. So etwa mein eigenes Spezialgebiet: Blockchain-Technologie ist sehr gut geeignet, um Forschungsergebnisse und Daten zu veröffentlichen, und es gibt eine Reihe von Initiativen, um diesen bisher von wenigen großen Verlagen dominierten Bereich zu öffnen, wie etwa Blockchain for Science. Spannend sind auch die blockchainbasierten Alternativen zu den Silicon-Valley-Plattformen wie Steemit oder der Brave-Browser.

Wo sehen Sie die größten regulatorischen Unterschiede in der Krypto-Ökonomie zwischen Deutschland und Österreich?

Hier würde ich nur ungern einen direkten Vergleich mit Deutschland anstellen, da viel von der bereits etablierten Infrastruktur abhängt. Diese sind im Falle von Deutschland und Österreich doch sehr unterschiedlich. Klar ist, Österreich hat für uns den Vorteil, dass es ein vergleichsweise kleines Land ist. Hierdurch können sich die relevanten Stakeholder leichter vernetzen und neue Regelungen schneller umgesetzt werden. Im Finanzministerium ist etwa ein FinTech-Beirat eingerichtet, unter dessen Mitgliedern sich auch das WU-Forschungsinstitut für Krypto-Ökonomie und FinTech-Vertreter befinden. Nachdem in Österreich die Token-Klassifizierung im Rahmen von ICO geklärt wurde, sollen 2019 regulatorische Sandboxes für Anwendungen in Angriff genommen werden. Die österreichische Finanzmarktaufsicht (FMA) hat zudem den Kapitalmarktprospekt des H3O-Tokens des Wiener Krypto-Mining-Start-ups Hydrominer genehmigt. Der Security Token Offering, also die Ausgabe des Wertpapier-Tokens über die Blockchain, ist EU-weit das erste, dem die aufsichtsrechtliche Billigung gelang.

Für wie realistisch halten Sie es, dass Security Token in Zukunft heutige Aktienverbriefungen ablösen werden?

Ich halte dies durchaus für sehr realistisch. Entscheidend ist, dass die Regulierungsbehörden mitspielen. Geringere Transaktionskosten bei gleichzeitiger Wahrung des Investorenschutzes können nur im Interesse aller Beteiligten sein, funktionierende Kapitalmärkte sind ein wesentlicher Aspekt der Innovationskultur einer Region.

Wo steht Europa als Blockchain-Standort im Vergleich zur großen Konkurrenz aus Amerika und Asien? Was sind unsere Stärken, was unsere Schwächen?

Europa hat das Internet 2.0 verschlafen, alle namhaften Plattformen befinden sich in den USA und Asien. Eine neue Technologie wie die Blockchain ist immer eine Chance, um wieder ins Rennen einzusteigen. Die alten Nachteile, wie ein fragmentierter Markt und mangelnde Risikobereitschaft, sind damit natürlich nicht beseitigt. Dennoch beobachte ich in meinem Umfeld schon ein gewisses Umdenken: So hat beispielsweise jede bessere Universität bereits ein Gründerzentrum. Allerdings sind europäische Kunden leider weiterhin oft erst bereit, in eine Technologie zu investieren, wenn man gewisse Referenzen vorzuweisen hat. Das bremst das Entwicklungstempo. Gleichzeitig kann man die oft als Last verstandene Datenschutzgesetzgebung als klaren Vorteil für Europa sehen, die Chancen für Blockchain-Lösungen bietet, die auf Privacy-by-Design-Prinzipien basieren.

Welcher Förderprogramme von staatlicher Seite bedarf es, um sich im globalen Blockchain-Wettbewerb auch in Zukunft behaupten zu können?

In der Grundlagenforschung sind wir in Europa nicht so schlecht, und auch Start-ups bekommen für die technischen Aspekte der Prototypenentwicklung ausreichend Förderungen. Danach hapert es allerdings, und bevor junge Unternehmen im „Valley of Death“ verenden, gehen viele dorthin, wo das Kapital ist, etwa in die USA. Das Austrian Blockchain Center setzt genau hier an und unterstützt Projekte, die konkret darauf abzielen, dass das Know-how aus unseren Forschungsergebnissen seinen Weg in die Praxis findet. Ob diese Strategie wirklich aufgeht und Österreich und Europa ein Blockchain-Hotspot werden, werden wir erst in den kommenden drei Jahren sehen. Der Versuch ist es jedenfalls wert. Europa darf das Internet 3.0 nicht verschlafen, wenn es ein konkurrenzfähiger Wirtschaftsraum bleiben möchte.

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