Den Blick ein Jahr zurück gerichtet: schier unbändige Euphorie. Rasante Kursanstiege führender Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum. Unzählige Geschichten über Menschen, die über Nacht zu Multimillionären wurden. Goldgräberstimmung. Sie ebnete Hunderten neuer Blockchain-Projekte den Weg, durch die Herausgabe von eigenen Tokens im Zuge von Initial Coin Offerings (ICOs) riesige Kapitalmengen einzusammeln.

Ein Jahr später: Die Realität hat uns eingeholt

Mehr als 50 Prozent der Projekte sind mittlerweile gescheitert. Bei den meisten handelte es sich um Web-2.0-Produkte, die auf eine Blockchain überführt werden sollten. Native Token sollten als Zahlungsmittel für den angebotenen Service genutzt werden und mit zunehmender Adoption des Services (und damit Nachfrage) an Wert steigen. Dieser Ansatz sollte – das ist mittlerweile klar – aufgrund fehlerhafter Token Economics sowie schlechter UX an ausbleibender Kundenakzeptanz scheitern.

Überhaupt ist die Stimmung im Krypto-Markt nach einem monatelangen, andauernden Preisverfall am Tiefpunkt. Die gesamte Marktkapitalisierung hat im Laufe des Jahres beinahe 700 Milliarden US-Dollar – oder 85 Prozent – an Wert eingebüßt. Viele stellen gar die Tragfähigkeit von Kryptowährungen in Frage.

Was heißt das nun für den Krypto-Markt? Sind Kryptos tot?

Wir von Kaizen VC sagen: im Gegenteil. Im Großen und Ganzen ist, was wir derzeit erleben, vielmehr eine dringend notwendige, völlig normale und sogar gesunde Korrektur des Marktes.

Eine Korrektur, wie sie fester Bestandteil im Frühstadium des Lebenszyklus einer jeden neuen Technologie ist. Das 1995 erstmals veröffentlichte Hype-Cycle-Modell von Gartner charakterisiert den typischen Verlauf einer aufkommenden Technologie von anfänglichem Benutzer- und Medienenthusiasmus, über eine Zeit der Desillusionierung bis hin zu einem späteren Verständnis der Relevanz und Rolle der Technologie in einem Markt oder einer Domäne.

Während der erste Teil der Kurve von sinnlosem Hype getrieben wird – vor allem entfacht durch Medien, die weitgehend über die Perspektiven der Technologie spekulieren, wird der zweite Teil in erster Linie von Leistung, (Miss-)Erfolg und Akzeptanz bestimmt.

Die 5 Phasen des Bitcoin-Hypes

Diese beiden Teile der Hype-Kurve lassen sich wiederum in fünf verschiedene Phasen unterteilen:

Schauen wir uns diese Phasen kurz an.

Technology Trigger:  Ab diesem Zeitpunkt beginnt die neue Technologie, einige wichtige Durchbrüche zu erleben. Während frühe „Proof-of-Concept-Storys“ erste Investitionen sicherstellen, ist die Verwendbarkeit und Wirtschaftlichkeit der Technologie noch ungewiss.

Peak of Inflated Expectations: Immer mehr Erfolgsgeschichten der neuen Technologie werden publik. Immer mehr Investoren zeigen Interesse am Markt, unabhängig von ihrem Verständnis für das Wesen der neuen Technologie.

Trough of Disilusionment: Viele Projekte scheitern. Das anfängliche Investoreninteresse beginnt zu schwinden. Nur eine Minderheit überlebt und treibt Produktverbesserungen voran, um die Bedürfnisse früherer Nutzer zu erfüllen.

Slope of Enlightment: Die Nutzbarkeit der neuen Technologie wird allgemein anerkannt. Anbieter starten Produkte der 2. und 3. Generation. Obwohl konservative Unternehmen weiter vorsichtig sind, beginnen mehr Unternehmen, Mittel für Pilotprojekte bereitzustellen.

Plateau of Productivity: Produkte, die auf der neuen Technologie aufbauen, werden Marktstandard. Die Kriterien für die breite Markttauglichkeit und Relevanz der Technologie sind klarer definiert. Profitable Geschäftsideen gedeihen.

Klingt einleuchtend, oder? Aber ist dieses Model auch tatsächlich ein Kompass für die Realität? Oder anders formuliert: Folgen neue Technologien wirklich diesen Hype-Zyklen? Für das Internet ist die klare Antwort: ja.

Betrachten wir diesen Zyklus im Detail.

Während es das Transmission Control Protocol und das Internet Protocol (TCP/IP) bereits seit 1983 gibt – sie gelten als die technologische Grundlage des Internets und setzten Standards für die Datenübertragung zwischen mehreren Netzwerken – dauerte es bis 1990, als der Informatiker Tim Berners-Lee das World Wide Web offiziell erfand (Innovation Trigger). Der daraus resultierende von allseitiger Utopie getriebener Hype fand 1999/2000 in einer Reihe erfolgreicher Börsengänge von US-amerikanischen und europäischen Internet-Unternehmen seinen Höhepunkt (Peak of Inflated Expectations).

Doch die noch unreife Technologie war nicht die allseits erwartete, sofortige Wunderwaffe. Viele Unternehmen scheiterten also bei dem Versuch, ihre Vorhaben in die Praxis umzusetzen. Das Interesse der Investoren ließ zunehmend nach. Eine massive Marktbereinigung war die Folge. In einem Zeitraum von nur zweieinhalb Jahren sank der Börsenindex Nasdaq Composite (zu dem viele internetbasierte Unternehmen gehörten) um 78 Prozent. Zwei Billionen (2.000.000.000.000) US-Dollar wurden vernichtet (Trough of Disilusionment).

Graph: Kursentwicklung des Nasdaq Composite Index.

Schlussendlich überlebten nur 48 Prozent der Internetunternehmen das Platzen der Dotcom-Blase. In weiterer Folge war es den heutigen Giganten der Technologiebranche vorbehalten, die Adaption des Internets gegen Mitte der 2000er-Jahre weiter voranzutreiben. Amazon lancierte Amazon Prime, Apple feierte erste Erfolge mit dem iPod, Ebay übernahm PayPal und Google legte einen erfolgreichen Börsengang auf das Parkett (Slope of Enlightment).

Ende 2010 nutzten 29,2 Prozent der Weltbevölkerung das Internet. Das Internet hatte sich somit erfolgreich zu einer ausgereiften Technologie entwickelt (Plateau of Profitability).

Die Technologie ist heute allgegenwärtig

Und heute? Smartphones haben unsere Art der Internetnutzung verändert. Social Media ist indes zu einem allseits etablierten Kommunikationskanal geworden. Kurzum: Das Internet ist fester Bestandteil unseres Lebens. Die rasante Verbreitung des Internets spiegelt sich außerdem auch in den Börsenwerten der Unternehmen wider, die diese maßgeblich vorangetrieben haben: Die aggregierte Marktkapitalisierung der fünf größten Internetunternehmen (Apple, Facebook, Alphabet, Microsoft, Amazon) ist fast doppelt so hoch wie die aggregierte Marktkapitalisierung aller 280 an der Nasdaq notierten (Internet)-Unternehmen zum Höhepunkt der Dotcom-Blase.

Die Entwicklungen auf dem Krypto-Markt deuten darauf hin, dass wir wieder Hype-Cycle-ähnliche Mustern ausgesetzt sind

Blockchain-Technologie und Kryptowährungen sind seit 2008 auf dem Vormarsch. Epische Booms & Busts, unkontrollierte Marktumschwünge, irre Skandale und Betrugsfälle – das hatten wir alles schon mal. Bis 2017. 2017 stellte alles bisher Geschehene und Gesehene in den Schatten. Was 2017 passierte, war ein Hype, eine Manie – vergleichbar mit dem, was wir zur Hochzeit des Internet-Booms gesehen haben. Genauso wie damals standen Preisniveau und tatsächlicher Nutzwert auch 2017 in keinem rationalen Verhältnis. Das Scheitern erster Projekte verdeutlichte diesen Missstand. Massive Preiskorrekturen, eine um sich greifende Marktbereinigung und die Verknappung von Kapital durch die sinkende Attraktivität von ICOs waren indes die Folge. Dies hat viele dazu verleitet, die Blockchain-Technologie und Kryptowährungen öffentlich als überbewertet und gar wertlos abzutun.

Vieles deutet also darauf hin, dass die Blockchain-Technologie und Kryptowährungen in die „Trough of Disillusionment“-Phase eingetreten sind, diese aber auch bald durchschritten haben werden. Wie lange wir uns in dieser Phase aufhalten werden, ist an dieser Stelle reine Spekulation. In der Vergangenheit haben wir durchschnittliche Längen von zwei bis vier Jahren gesehen. Sich schnell entwickelnde Technologien schaffen es aber mitunter innerhalb von sechs bis neun Monaten auszubrechen. Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass es alle neuen Technologien aus der „Trough of Disillusionment“-Phase schaffen.

Wir von KaizenVC sind aber davon überzeugt, dass die Blockchain Technologie und Kryptowährungen nicht nur eine unglückliche, kurzlebige Laune des Marktes sind, sondern dass sie sich langfristig durchsetzen und ähnlich wie das Internet zu einem Massenphänomen werden.

Unsere Gründe dafür lege ich euch in meinem nächsten Artikel dar. Stay tuned!

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