Technisch betrachtet zeichnet sich NEM vor allem durch einen Anreiz aus: Proof of Importance (PoI). Neben Proof of Work (Bitcoin) und Proof of stake (Qtum, PivX und auch für Ethereum geplant) funktioniert die Belohnung am Netzwerk teilzunehmen über das Harvesting – oder „ernten“. Grundlegend kann man diesen PoI als Erweiterung des PoS verstehen. Beim Ernten der XEM-Token spielt neben der Anzahl der gehaltenen Token zusätzlich das Maß der Nutzung der unabhängigen Blockchain eine Rolle – kurz: die Wichtigkeit im Netzwerk. Diese Einzigartigkeit und die beiden wichtigsten Use Cases, digitales Wahlsystem und Urheberrechtsangelegenheiten, ließen viel versprechen. Diese erste Entwicklungsphase von NEM trug den Namen Apostille.

Fehler im Management

Im Jahr 2017 wurde dann eine Generalüberholung namens Catapult angekündigt, also eine Art NEM 2.0. Der damalige CEO der NEM Foundation, Lon Wong, bewarb das Projekt mit insgesamt 80 Millionen XEM. Im Januar 2019 vollzog sich darauf ein Führungswechsel: Alex Tinsman wurde von der Community gewählt. „Es macht keinen Sinn, ein Produkt zu bewerben, das noch nicht auf dem Markt ist“, meint die neue Vorsitzende. Auch deswegen „begriffen wir, dass wir aufgrund von Fehlern im Management unsere Handlungsfähigkeit verloren haben. Uns bleibt noch etwa ein Monat“, lautet die vernichtende Analyse Tinsmans. Daneben habe Lon Wong „das Vertrauen der Community gebrochen“, indem er seine Position als Kopf der Non-Profit-Organisation missbraucht hat, erklärt ein Entwickler der Plattform. So habe er als CEO von ProximaX deren ICO beworben und damit mehr als 33 Millionen US-Dollar eingespielt.

Was Besserung verspricht

Tinsman will nun mit Entlassungen unter den 150 Mitarbeitern reagieren. Darüber hinaus will sie einen Rettungsfonds mit 160 Millionen XEM-Token (etwa 7,5 Millionen US-Dollar) aufspannen. Darüber sollen die 202 Mitglieder im Februar abstimmen. Ob damit die Obergrenze der 9 Milliarden XEM-Token nach oben verschoben wird, bleibt allerdings unklar. Die nach der Umstrukturierung übrig bleibenden Mitarbeiter sollen „in Zukunft in Teams zusammenarbeiten, ein festes Budget zugeteilt bekommen, um so neue Werkzeuge im Ökosystem zu entwickeln“, so die neue Chefin, „und welche Projekte den Zuschlag bekommen, soll ebenfalls die Community entscheiden.“ Ein weiterer Punkt auf ihrer Agenda ist die finanzielle Unabhängigkeit von Mitgliedsbeiträgen (50 US-Dollar pro Jahr). Das wolle sie insbesondere mit „Unternehmensschulungen und dem Bewerben von Geschäftspartnern“ realisieren.

Fazit

Dass es noch viel zu tun gibt, um neue Entwickler für die Plattform an Land zu ziehen, meint der bereits oben zitierte Entwickler. „Es arbeiten dort ohnehin nicht viele Menschen. Die Community ist faktisch nur in Japan anzutreffen“, meint er weiter. Auf der Homepage von NEM findet man jedenfalls eine ganze Menge technischer Begriffe, die mit Catapult in Verbindung stehen. Und damit eigentlich genug Anknüpfungspunkte für Programmierer: Smart Contracts, Skalierung, Treuhänderdienste, Multi-Level-Multisignature-Konten, Decentralised Swaps, etc. Auffallend ist auch der Verweis auf den Nutzen für Finanzinstitutionen, was mich immer wieder an Ripple denken ließ. Es scheint also fast so, als hätte sich der Wind gedreht. Vielleicht ist NEM im Sinne der ursprünglichen Idee von Kryptowährungen gescheitert, aber womöglich tut sich ein neuer Weg hin zu klassischen Finanzdienstleistern auf.

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