BTC-ECHO: In eurem Blockchain Venture Studio hier in Berlin unterstützt ihr Krypto-Start-ups von der Idee bis zum kommerziellen Business. Welche Rolle spielen dabei ICOs und STOs?

Mervyn: Unser Geschäftsmodell besteht aus zwei Services: Wir haben ein Venture Studio, in dem wir unsere eigenen Ideen verwirklichen. Aktuell arbeiten wir dort an vier Projekten. Und weil wir in der Vergangenheit einigen Erfolg mit unseren Blockchain-Projekten hatten, bitten uns seit geraumer Zeit auch andere Start-ups um Mithilfe bei ihren Ideen.

Dabei geht es vor allem um die Skalierbarkeit der Blockchains sowie das zugrundeliegende Geschäftsmodell. ICOs und STOs sind kein Thema, das wir am Anfang eines Projekts besprechen. Das hat folgenden Grund: Diejenigen Start-ups, die sich ausgiebig mit dem Thema ICO und STO auseinandersetzen, denken nicht genügend über das zugrundeliegende Geschäftsmodell nach. Anstatt über Lösungsansätze für bestehende Probleme nachzudenken, steht das Funding im Vordergrund.

BTC-ECHO: Nun habt ihr den STO von Bitbond mit aufgesetzt. Kannst du mehr darüber erzählen?

Mervyn: Lass uns zunächst einen Schritt zurückgehen: Ich denke, dass die ICO-Welle vorbei ist. Obwohl die Idee eines ICOs zunächst vielversprechend klang, war die Realität doch eine andere. 86 Prozent aller Projekte waren schlichtweg ohne Substanz. Nur eine kleine Minderheit der Projekte war tatsächlich interessant. Trotzdem sind wir der Meinung, dass die Kapitalbeschaffung auf der Blockchain definitiv eine der „Killer-Apps“ [der Technologie] ist. Die Frage ist nur: Wie stellen wir sicher, dass Investoren geschützt sind, bestimmte Rechte genießen und gewisse Standards [für das Durchführen von Token Sales] bestehen.

Da wir der Meinung sind, dass STOs wahrscheinlich „das nächste große Ding“ werden, haben wir ein Beratungsunternehmen gegründet, dass sich auf STOs spezialisiert. Die größte Erkenntnis bisher: Gründer, die über einen STO nachdenken, haben in der Regel ein deutlich besseres Geschäftsmodell als jene, die mit einem ICO Kapital einsammeln wollen. Um zu Bitbond zurückzukommen: Wir sind stolz, mit Bitbond zusammenzuarbeiten. Das Unternehmen arbeitet seriös, das Gründerteam ist sehr gut und sie bedienen eine reell existente Nachfrage am Markt.

BTC-ECHO: Glaubst du, dass Ende 2019 der Gesamtbetrag an eingesammeltem Kapital bei STOs höher ausfallen wird als bei ICOs?

Mervyn: Ich glaube nicht, dass das passieren wird. STOs sind eine brandneue Technologie. Zwar hat der ERC1400-Standard für einige Verbesserungen gesorgt. Denn seither ist es möglich, alle regulatorischen Auflagen in den Smart Contracts festzuschreiben. Allerdings stehen wir noch ganz am Anfang. Im Falle von Bitbond hat der STO aber gut funktioniert: Wir haben den Token ähnlich einer Anleihe strukturiert. Es gibt eine eindeutige Verzinsung der Anleihe und die Laufzeit ist transparent geregelt. Dies erleichtert auch die Arbeit der Regulierungsbehörden. Die BaFin beispielsweise hat den Bitbond- STO deshalb genehmigt, weil die Token-Struktur einfach zu verstehen ist.

BTC-ECHO: Du warst selbst COO bei der Deutschen Bank. Wie schätzt du die großen Finanzinstitute ein, mehr Prozesse wie z. B. die Wertpapierabwicklung via DLT zu steuern?

Mervyn: Die großen Finanzinstitute haben bereits ein Vermögen in Distributed-Ledger-Technologien wie die Blockchain investiert. Dass es diese bisher allerdings noch nicht fertiggebracht haben, ein funktionierendes Produkt auf den Markt zu bringen, lässt sich nur mit der Inkompetenz der verantwortlichen Akteure erklären. Das R3-Konsortium [R3 ist ein Zusammenschluss aus 300 Unternehmen, die an der Entwicklung einer Blockchain-Plattform für Unternehmen arbeiten] beispielsweise gibt es seit 2015. Ein erfolgreiches Produkt konnte der Zusammenschluss bisher nicht lancieren. Wenn man bedenkt, dass bereits Milliarden [an US-Dollar] geflossen sind, ist das eine ziemlich schockierende Bilanz.

Wir haben im Gegensatz nur mithilfe eines geringen einstelligen Millionenbetrags ein Produkt auf die Beine gestellt, das tatsächlich funktioniert. Ich kann mir das nur so erklären, dass die Blockchain-Produkte, die diese Firmen [wie R3] entwickeln, irgendwann die eigenen Geschäftsmodelle zerstören würden und daher zurückgehalten werden. Es handelt sich [bei der verzögerten Entwicklung] also nicht um ein Innovationsproblem, sondern um ein strukturelles Problem.

BTC-ECHO: Trifft das denn auch auf die Investmentbank J.P. Morgan zu, die nun bekanntgegeben hat, ihre eigene Kryptowährung zu generieren und mit Quorum eine eigene DLT-Lösung vorzeigen kann?

Mervyn: J.P. Morgan ist meiner Meinung nach eine der fortschrittlichsten Banken überhaupt. Abgesehen von den Aussagen ihres CEOs [Der J.P. Morgan-Geschäftsführer Jamie Dimon war in der Vergangenheit aufgrund Bitcoin-skeptischer Aussagen in die Kritik geraten] arbeitet sie lösungsorientiert. Man darf Jamie Dimons Aussagen nicht so viel Beachtung schenken. Denn normalerweise hat der CEO eines solchen Unternehmens weder ein tiefergehendes technisches Wissen noch den Blick für Innovationen.

Es ist doch so: Der Großteil der Entscheidungsträger innerhalb des Bankensektors verdient seinen Lebensunterhalt mithilfe des traditionellen Finanzsystems. Ein struktureller Wille zu Innovationen besteht daher häufig nicht. Sofern aber der politische Wille innerhalb der Unternehmensstrukturen besteht, sind [Banken wie J.P. Morgan] durchaus in der Lage, gute Produkte zu entwickeln.

BTC-ECHO: Was sind deiner Meinung nach die größten Trends in der Blockchain-Weiterentwicklung? Welche Applikationen werden wir sehen?

Mervyn: An solche Fragen gehen wir wissenschaftlich heran. Wir schauen uns an, welche Probleme gut definiert sind und welche [geschäftlichen] Möglichkeiten sich dadurch ergeben könnten. Dann schauen wir uns an, wie wir diese Geschäftsmöglichkeit verwirklichen könnten und ob die Technologie dafür bereits auf dem Markt ist. Sollten alle diese Bedingungen erfüllt sein, unterziehen wir diese Use Cases einer genaueren Betrachtung.

Bisher interessieren wir uns für Anwendungsfälle wie das internationale Vertragsmanagement, Zahlungsdienste und das automatische Eröffnen von Schadensfällen bei Versicherungen. Für diese Fälle haben wir bereits funktionierende Prototypen entwickelt. Eine weitere Möglichkeit ist die Anwendung der Blockchain im Einzelhandel. Allerdings nur in Kombination mit anderen Technologien: Blockchain mag das Herz der Lösung sein; man braucht aber auch KI [Künstliche Intelligenz] als Gehirn der Lösung und IoT [Internet of Things, zu Deutsch: Internet der Dinge] als sensorische Organe.

Auch das traditionelle Banking dürfte die Blockchain revolutionieren. Die Herausgabe von Anleihen auf der Blockchain beispielsweise funktioniert heute schon. Was fehlt, ist der Mut, die neuen Ansätze auch zu implementieren. 2019 wird meiner Meinung nach das Jahr privater Blockchains und STOs werden.

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